Ab auf die Jolle – meine erste Segelstunde

Eigentlich war ich ja schon mit allem durch. Alsterdampfer, Tretboot, Ruderboot. Ich bin drumrumgelaufen, reingefallen, rüberspaziert. Nur gesegelt bin ich auf der Alster noch nie. Der Morgen meiner ersten Teichbesegelung sieht nicht sehr vielversprechend aus, fast wäre meine erste Segelstunde zwischen Flaute und Schauerböe baden gegangen. Kein bisschen Wind, dafür Gewitterwarnung.

Wir bleiben also ersteinmal auf dem Steg und üben Seemannsknoten, an einem Tau mit noch mehr Tauen dran. Achtknoten, Kreuzknoten, Schotstek. Damit sich später nix vertüddelt und sich beim Abschleppen nix löst. Abschleppen? Wieso denn abschleppen, frage ich mich, aber schon geht es weiter. Eine schüchterne Schlange taucht ängstlich aus einem Teich und wieder hinein, um sich am Ende als ordentlicher Palstek, eine Art feste Schlaufe, zu entpuppen. Kurz fühle ich mich wie im Waldorfkindergarten.

Währendessen wird ein paar Schritte weiter im Café auf dem Anleger für eine Hochzeitsfeier eingedeckt. Silberne Kerzenständer werden poliert, Blumen arrangiert und ein Paar weiße Engelsflügel besprüht. Vor uns legen zwei Segelschülerinnen in Neoprenanzügen am Steg an, vollkommen durchnässt vom Kentertraining, das sie gerade absolviert haben – und mir trotz ihrer Begeisterung nicht sehr verlockend erscheint. Nun werden sie auch noch von oben nass, es fängt an zu nieseln. In Regenjacke lerne ich, wie man eine Klampe belegt, dann ist es soweit: Es geht aufs Boot.

Leinen los!

Nein, so eine Jolle könne nicht kentern, da müsse man schon eine Menge falsch machen, erklärt mir mein Lehrer für heute, der segelt, seit er zehn ist und die Winter in Südafrika verbringt. Mit ein bisschen Ehrgeiz kriege ich das mit dem Kentern bestimmt trotzdem hin, fürchte ich. Und Reinfallen wäre auch gar kein Problem, denke ich, während ich an Bord klettere. Das wackelt ja doch ganz ordentlich. Wir setzen die Segel: Ich brauche tatsächlich alle Knoten, die ich gerade gelernt habe, dann werden Großsegel und Fock  ausgerollt und flattern in dem bisschen Wind da oben unbeeindruckt vor sich hin. Ein paar Anweisungen später geht es überraschenderweise wieder an Land, aber nur, damit es jetzt in echt losgehen kann, mit Ablegekommando und allem Pipapo: Leinen los! Uiuiuiuiu!

Ich schubse das Boot in die gewünschte Fahrtrichtung , jedenfalls ungefähr, und hechte wieder an Bord. Also gefühlt gehechtet. Puh. Nachdem sich mein Puls beruhigt hat, sitze ich an der Pinne und soll steuern. Ay, ay. Ich halte auf die Mundsburg-Türme zu. Läuft. Ich probiere ein paar Wendemanöver. Läuft.

Sonnenschein am Atlantic

Mein Lehrer ist sehr zufrieden, der Regen lässt nach, ich steuere Fernsehturm und Kennedybrücke an, und als wir am Atlantic (haha!) vorbeidümpeln, kommt die Sonne heraus. Wie anders die Stadt von hier aus aussieht! Und wie einfach alles ist, nachdem letzte Woche in der Theoriestunde alles so kompliziert klang!

Sogar mit den Vorfahrtsregeln komme ich prima klar. Angesichts der seltsamen Wetterlage sind genau zwei andere Segelboote auf dem großen Teich unterwegs. Die Lage ist überschaubar.

Bald wird es sehr heiß unter Regenzeug und Schwimmweste, nur mit dem Wind hapert es bis zuletzt, auf dem Rückweg wird gepaddelt. Als wir zum Steg zurückdümpeln sehe ich, dass die Hochzeitsvorbereitungen fortgeschritten sind. Noch sind keine Gäste da. Nur im Ruderclub nebenan wird schon gefeiert, sehr gediegen hanseatisch, während sich auf der anderen Seite, noch einen Club weiter, Bollywood zu versammeln scheint. Als wir am Steg ankommen, läuft ein indischer Junge auf mich zu, zeigt auf die Jolle und fragt: „How much? How much?“ Meint er das Boot? Eine Bootsfahrt? Oder fragt er nach etwas ganz anderem?

Lässig zurück an Land

Weiter hinten am Steg hat sich ein junger Adonis mit bronzener Haut und dunkelbraunem Haar die Engelsflügel auf den Rücken geschnallt, dazu trägt er ein weißes, kaum gürtelbreites Lederröckchen und weiße Chucks mit Absätzen. Kurz vermute ich eine indische Drag-Queen-Hochzeit, doch der kleine Junge rennt in die andere Richtung davon.

Das Anlegemanöver gelingt besser als erwartet und ich werde für das zauderlose Anlandklettern gelobt. Dafür hätten andere schon fünf Minuten gebraucht. Dass ich immer nur dann lässig bin, wenn ich nichts davon ahne!

Zufrieden verstaue ich Schwimmweste und Regenzeug und werfe einen letzten Blick auf die aufgeräumten Jollen und den verlassenen Steg. Amor lehnt vor der opulent gedeckten Tafel am Geländer und raucht, seine Engelsflügel heben sich vor dem Abendhimmel ausnehmend dekorativ ab.

Ich denke, dass etwas daraus werden könnte, aus mir und der Jolle.

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