Alster ahoi! Ich mache meinen Segelschein.

Man soll ja Ziele haben im Leben. Bei mir gehören definitiv dazu: Eine Schiffsreise nach New York. Ein Jahr in Kopenhagen. Und der Erwerb eines Segelscheins.

Mit dem Segelschein und mir ist das so eine Sache. Bisher kam immer etwas dazwischen. Dabei möchte ich unbedingt in einer Jolle über die Alster segeln und irgendwann kreuz und quer durch die dänische Südsee, und von dort immer weiter gen Osten, bis nach Riga, Tallin und St. Petersburg, zurück über Helsinki, Malmö und Kopenhagen. Da würde ich dann erst einmal bleiben, siehe oben.

Aber eins nach dem anderen. Ich habe mich tatsächlich angemeldet und erklärt, dass ich körperlich sowie geistig gesund bin und mindestens fünfzehn Minuten in tiefem Wasser schwimmen kann, was ja alles stimmt, meistens jedenfalls, das sollte hinhauen. Und seit gestern ist es soweit: Ich mache meinen Segelschein auf der Hamburger Alster. Genauer gesagt: Den Sportbootführerschein Binnen Segeln. So heißt das korrekt, und das klingt ja auch gleich viel ambitionierter.

A wie ambitioniert

Früher hieß das A-Schein, das war ein bisschen leichter zu merken, besonders angesichts all der anderen neuen Wörter, die  in den nächsten Wochen auf dem Lehrpan stehen. Vielleicht damit der Schreck nicht gleich so groß ist, wird gleich als allererstes ein Glas Sekt eingeschenkt. Na denn man Prost.

Und dann geht es mit ein paar Formalien und ein bisschem Grundsätzlichem auch schon los: An sonnigen Sonntagen im August glaube man ja, man könne zu Fuß über die Alster laufen, ohne mit dem Wasser in Berührung zu kommen, so voller Boote wäre das. Aber es gebe auch ganz andere Tage: Wenn der Wind so stark ist, erläutert der Chef, dass die Schafe vom Deich fliegen, würde man schon mal abraten. Und wenn gar kein Wind is, ginge eben auch nix: Zum Trost gibt es dann einen Flautestempel in die Segelkarte.

Wenn es schließlich doch aufs Wasser ginge, wäre eine Regenhose superwichtig, weil das spritzt schon mal beim Segeln. Bei Regen wäre eine Jacke nicht schlecht. Regenzeug, das wasserdicht scheint, reiche völlig. Modische Aspekte wären beim Segeln hingegen weniger entscheidend, meint er, bevor er seine Markensegelschuhe auf den Tisch hievt, um uns die rutschfesten Sohlen begutachten zu lassen.

Mir bleibt keine Zeit, über hübsche kleine Flautestempel und die passende Garderobe nachzudenken, denn schon verabschiedet sich der Chef und es geht mit der ersten Theoriestunde weiter.

Die Alster sei eines der anspruchsvollsten Segelreviere der Welt, ständige Windwechsel wären da an der Tagesordnung, ein bis sechs Windstärken innerhalb von dreißig Sekunden und Winddrehungen bis zu neunzig Grad. Konstant sei der Wind hier nur bei Windstille. Auf der Alster gilt daher immer: Rechts vor links. Egal ob andere Segelboote, Tretboote voller Touristen oder Boote voller Rückwärtsfahrer, wie die Ruderer von den Seglern abschätzig genannt werden. Für den Alstersegler gibt es nur einen Feind, dem unbedingt ausgewichen werden sollte: Den Alsterdampfer, der hat nämlich immer uneingeschränkt Vorfahrt.

Bis gar nix mehr kloar is …

Das war’s aber auch schon an einfachen Regeln. Damit alle zuhause nachlesen und für die Prüfung lernen können, wird das am wenigstens schlechte Buch zum Thema Binnensegelschein empfohlen, und dann geht es auch schon ans Eingemachte. Noch relativ harmlos werden Bug und Heck, Steuerbord und Backbord erklärt. Doch schon nach wenigen Minuten geht es am und vor dem Wind, im Halbwind- und im Raumschotkurs von einer Seglerweisheit zur nächsten.

„Vor dem Winde frisch und froh, segelt auch ein Ballen Stroh.“

„Pinne quer, nix geht mehr.“

Noch einen Bruchteil der über 1.300 Seglervokabeln und ein paar Manöver später ist – trotz kundig-charmanter Erläuterugen inklusive Superman-Einlage – überhaupt nix mehr „kloar“, weder zur Wende noch zu anderem, im Gegenteil. Schot auf Fall und Want auf Stag geht das immer so weiter, bis mir der Kopf flattert wie ein Segel im Wind – was passenderweise übrigens killen heißt.

Heiliger Sankt Neptun, das kann ja was werden!

2 Gedanken zu “Alster ahoi! Ich mache meinen Segelschein.

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