Ein Mann nach meinem Geschmack

Es gibt Dinge im Leben, auf die ich gern verzichten kann. Dazu gehören notorisch schlecht gelaunte Nachbarn, neunzig Prozent aller gut gemeinten Ratschläge und Streit in der Öffentlichkeit.

Der einzige Streit, den ich mit dem Mann an meiner Seite jemals in der Öffentlichkeit geführt habe, entbrannte an einer Supermarktkasse, als die Kassiererin nichtsahnend fragte: „Möchten Sie eine Plastiktüte?“

Darauf er (erfreut): „Ja, gern!“

Zeitgleich ich (empört): „Neeeeeiiiiin!“

Mit den Plastiktüten ist es so eine Sache. Der Mann kauft gern und oft Plastiktüten, bei jedem Einkauf, manchmal sogar mehr als notwendig wären – man weiß ja nie. Überhaupt transportiert er Dinge mit großer Vorliebe in Plastik verpackt. Die Plastiktüte war, ist und bleibt sein ständiger Begleiter. Als wir noch in verschiedenen Städten lebten und er mich am Wochenende oft besuchen kam, stand er manchmal sogar mit einer vor der Tür. Nur mit Tüte. Vom Discounter. Ohne weiteres Gepäck. Eine sehr eigene Vorstellung vom perfekten Weekender.

Nicht mal als Mülltüte

Ich gebe zu, dass Plastiktüten wahnsinnig praktisch sein können. Für die Aufbewahrung von Dingen in feuchten Kellern. Auf Ausflügen mit dem Gummiboot. Oder bei Unternehmungen mit noch nicht ganz stubenreinen Kindern. Und bestimmt gibt es noch ganz viele andere ganz große Momente für die Plastiktüte.

Trotzdem mag ich sie nicht. Zugegebenermaßen nicht ausschließlich aus Umwelt- und Klimaschutzgründen. Ästhetische Erwägungen spielen auch eine Rolle. Dennoch würde mich schon die Wiederverwendung von Plastiktüten für mehrere Einkäufe ein bisschen versöhnlicher stimmen. Nur das Argument, dass so eine Plastiktüte ja später auch noch eine prima Mülltüte abgibt, lasse ich nicht gelten.

Scheidung vor der Heirat

Ich selbst habe immer ein bis zwei Baumwollbeutel in meiner Tasche, die ich beim Einkaufen verwenden kann. Es ist total leicht, zu sagen: „Bitte keine Plastiktüte.“ Zum Beispiel am Obst- und Gemüsestand. Aber sonst eigentlich auch fast immer. Großes Pfadfinderehrenwort: Es fehlt einem wirklich überhaupt nichts. Und so ein kleines Nein hier und da ist ja schließlich ein Klacks, zum Beispiel im Vergleich zum Versuch, komplett plastikfrei zu leben. Was ich großartig finde. Genau wie den Berliner Supermarkt „original unverpackt“. Dort gibt es ja nicht nur viel weniger Verpackungsmüll als im Rest der Welt, sondern es wird auch immer genau die Menge an Lebensmitteln gekauft, die tatsächlich gebraucht wird. Ich hoffe, dass das ein Riesenerfolg wird und bald auch in meiner Nähe eine Filiale aufmacht. Ich würde da sehr gern einkaufen.

Der Mann hingegen wäre dort verloren. Seine Plastiktütensucht wird vermutlich Apokalypse, Jüngstes Gericht und Klimawandel unbeschadet überstehen. Alle Appelle an die Vernunft haben nichts genutzt. Die Konfrontation mit erdrückendem Zahlenmaterial: vergebens. Selbst die Drohung, mich scheiden zu lassen noch bevor wir überhaupt verheiratet sind … ach!

Es ist übrigens nicht so, dass er das für richtig hält. Aber was soll man machen, wenn man nichts anderes dabei hat. Er hat nie was dabei.

Ein Mann wie Hannes Jaenicke?

Kürzlich stand ich an einer Baumarktkasse. Vor mir ein Mann. Für einen Moment fragte ich mich, ob ich knielange Radlerhosen, abgewetzte Fahrradhelme und den leicht verkniffenen Zug um den Mund nicht doch liebenswert finden könnte. Denn als die Kassiererin ihn fragt, ob er eine Plastiktüte wünscht, sagt er: „Um Got-tes Wi-llen!“ Er betont jede Silbe einzeln. Entschlossen, vehement, ein bisschen wie Hannes Jaenicke, wenn er auf den globalen Zustand im Allgemeinen oder die Weltrettung im Speziellen angesprochen wird. Dann beugt er sich zu der Kassiererin herunter: „Seien Sie bloß nicht so freigebig mit den Dingern.“ Wie recht er hat!

Nach seiner Telefonnummer habe ich nicht gefragt.

Schreibe einen Kommentar

%d Bloggern gefällt das: