Ein Osterei für Opa Karl

Im letzten Jahr hat uns der Tod begleitet. Opa Karl war sehr lange sehr krank und starb im Herbst. Kurz zuvor, im schönsten Altweibersommer und ganz unerwartet, Uroma Maria. Zwei Beerdigungen in einem Monat.

Zusammenkünfte von Freunden oder Familie sind für den Tsunami, wie wir unseren Vierjährigen insgeheim nennen, das Allerschönste. Also stürmte er glücklich auf die anderen zu, verstand die Tränen nicht, als er fragte, wo die Uroma sei, wo sie denn bloß bliebe. Einen Monat später, bei der Beerdigung des Großvaters, ist er selbst bedrückt. Obwohl seine Fragen doch die Trauer genau trafen: Dass wir auch als Erwachsene nicht begreifen können, dass jemand nie mehr wiederkommen wird.

Ein halbes Jahr ist vergangen und dem Tsunami ist einiges klar geworden. Er will es genauer wissen: Und wenn man tot ist? Wo ist man dann? Wird man ein Skelett? Wird man wieder ein Mensch? Wenn alte Menschen sterben, kommen dann neue Kinder auf die Welt? Der tote Seehund im Urlaub am Nordseestrand, die Zeichnung einer Moorleiche im Kinderatlas, das sind Bilder, die ihn sehr beschäftigen. Gestern brachte er die Ostergeschichte mit nach Hause: „Weißt du, und dann waren da Männer, die haben Josef (sic) an ein … (Luftholen) an so ein … Kreuz (unsichtbares Ausrufezeichen) gehammert. (Dramatische Pause, aufgerissene Augen:) Mit den Füßen!“ Die Pastorin war zu Gast in der Kita gewesen. Mir fällt eine Erzählung von Isaac Asimov ein, in der er beschreibt, wie es auf Außerirdische wirken mag, wenn eine Spezies einen Toten am Kreuz verehrt und eine unsägliche Folterszene Altäre und Halsketten schmückt.

Was den Tsunami aber am meisten getroffen hat, ist der eigene Tod. Er ahnte es, als er zögerlich fragte: „Müssen alle Menschen sterben?“ Als er begriff, schossen ihm Tränen in die Augen: „Muss ich auch sterben?“ Ich erinnere mich nicht daran, ob mich diese Erkenntnis auch einmal so hart getroffen hat. „Ich will nicht sterben, Mama!“

Kein Trost, nirgends.

Ist es schlimmer, jemanden zu verlieren oder selbst zu gehen? Wann lernen wir, im Angesicht der eigenen Sterblichkeit zu leben? Lässt uns gerade unsere Sterblichkeit lebendig sein? Wann beginnt das Leben? Und was geschieht im Tod?

Heute hat der Tsunami ein Osterei für Opa Karl bemalt, ganz bunt ist es geworden. Morgen will er es ihm auf den Friedhof bringen.

1 Gedanke zu “Ein Osterei für Opa Karl

  1. Hallo Liebe Christine,
    von Josef oder Jesus hat Ooma nichts erzählt, aber ähnlliche Gespräche über Tod hatte ich auch mit Ooma. Es ist schön schwerig es nicht auszuweichen. Ich habe ein bisschen geschweift. Manche glauben dieses, manche das, ich glaube es alles und auch nicht.
    Dann hat Ooma gefragt, ob Josie zuerst sterben würde, weil sie älter sind.
    Aber zumindest kann ich stücke vom Puzzel schön aussortieren.

    Viele Grüsse,
    Shona

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