Es geht ums Geld! – Warum heute kein Tag wie jeder andere ist

Bislang war der 14. Juni kein besonderer Tag für mich. Anders in diesem Jahr. Heute fallen gleich drei Ereignisse zusammen: Ein Gesetz wird 40 Jahre alt, eine dreckige Wahrheit kommt ans Licht und ein Buch erscheint.

Auf den Tag vierzig Jahre ist es her, dass das Familienrecht novelliert wurde. Mag langweilig klingen, aber das war was! Endlich! Endlich konnten verheiratete Frauen eigenverantwortlich entscheiden, was sie mit ihrem Geld tun wollten und wie sie es verdienen wollten, ohne ihren Ehemann um Erlaubnis bitten zu müssen. Erst seit 1976! Kein Wunder, dass sie so verdammt lange dauert, diese Sache mit der Gleichberechtigung.

Die dreckige Wahrheit

Auch die Wahrheit, die heute ans Licht kommt, ist kaum zu fassen: Das Einkommensgefälle zwischen Männern und Frauen in Deutschland im Jahr 2016 beträgt – festhalten! – 45,3 Prozent. Die Rede ist von all dem, was an Einkommen aus eigener Arbeit auf unserem Konto landet, ob Kanzlerin oder Erzieherin, ob Führungskraft oder Aushilfe, auf welchem Hintergrund auch immer: Deutsche Kerle haben unterm Strich ein nahezu doppelt so hohes Einkommen wie deutsche Frauen. Erst heute ist Zahltag – mehr dazu hier.

Nicht ganz zufällig erscheint heute außerdem ein Buch, in dem es ums Geld geht. Um viel Geld. Wir Erbinnen heißt es, herausgegeben wurde es vom Verein Pecunia, dem Erbinnen-Netzwerk, und Anlass ist ebenjener 40. Jahrestag der Familienrechtsreform – auch über ererbtes Vermögen können Frauen erst seit 1976 gänzlich frei entscheiden. Seitdem wächst eine neue Generation von Erbinnen heran. In ihrem Buch geht es um Geld, Verantwortung, Sinn und Macht, um Stiftungswesen und Wohnprojekte, aber auch darum, wie sehr es uns an Bildern reicher, mächtiger Frauen mangelt.

Schublade auf. Erbin rein. Fertig.

Als die Herausgeberinnen vor einigen Monaten an mich herantraten, weil sie eine Lektorin suchten, war ich neugierig, klar. Was würden das für Frauen sein? Was war das überhaupt für ein Verein, fragte ich mich?

„Deine Sorgen möchte ich haben!“ „Erben ist ungerecht.“ „Geld macht auch nicht glücklich.“ Der Umgang mit dem Thema ist an und für sich ja nicht weiter kompliziert. Im Gegenteil: Schublade auf. Erbin rein. Fertig.

Aber was heißt es eigentlich, Erbin zu sein? Ein Erbe ist kein Grund zum Jammern, soweit herrscht Einigkeit. Kompliziert ist es trotzdem. Finanzexpertinnen sind beispielsweise die wenigsten von Haus aus. Und Austausch ist selten möglich, so aus der Schublade heraus, siehe oben.

Über Reichtum redet man hierzulande nicht. Selbst unsere Gehälter sind – jenseits der Statistik – meistens tabu. Bei Pecunia finden Erbinnen ein offenes Miteinander, in diskretem Rahmen. Manche sind von Geburt an Erbin, andere erbten überraschend mit 18, wieder anderen fiel erst später ein eher bescheidenes Vermögen zu. Manche verraten nicht mehr als ihren Vornamen, andere stehen im Licht der Öffentlichkeit. Und so unterschiedlich ihre Lebenssituationen sind: Wird das Vermögen nicht schon zu Lebzeiten verteilt, geht dem Erbfall ein Tod voraus. Oft heißt das, mitten im Trauerprozess Verantwortung zu übernehmen, für ein Vermögen, eine Großfamilie oder eine Schar von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen.

Arbeiterkind meets Erbinnen

Wie werde ich zur Finanzexpertin? Wo finde ich gute Beratung? Wie sag ich’s meinen Liebsten? Diese Fragen werden sich mir aller Voraussicht nach niemals stellen. Was mich in den Augen der Herausgeberinnen vor allem für das Projekt qualifizierte, war – mein Engagement als Arbeiterkind. Anfangs war ich baff. Aber es stimmt: In beiden Fällen gilt es, eine Migration zu bewältigen, sich eine fremde Welt zu eigen zu machen.

Geld macht nicht glücklich. Aber es kann sehr viel. Geld ist Freiheit. Es eröffnet Spielräume und Gestaltungsmöglichkeiten. Das Entscheidende: Es gilt, sie zu sehen und sie zu nutzen. Im Großen wie im Kleinen. Ob Erbin oder nicht. Das Buch ist eine passende Lektüre, an diesem 14. Juni 2016. Ich würde sagen: ein feministisches Manifest monetärer Selbstwirksamkeit. Was ich damit meine? Im Grunde handelt es davon, wie wir, die wir uns diese Frage leisten können, leben wollen, und wie wichtig es ist, sie uns zu stellen. Nicht mehr und nicht weniger.

Pecunia BuchWir Erbinnen – Frauen übernehmen Verantwortung, mit Texten von Dr. Laura Adamietz, Hannah Beitzer, Claudia Cornelsen, Laura Freisberg, Wiebke Gülcibuk und Carola Kupfer, hrsg. von Pecunia Das ErbinnenNetzwerk e.V., 133 Seiten, 24,90 Euro, Böllenberg 2016, ISBN 978-3-946696-11-7.

 

3 Gedanken zu “Es geht ums Geld! – Warum heute kein Tag wie jeder andere ist

  1. Liebe Christine,

    ich freue mich jedesmal, wenn einen Beitrag aus deinem Blog in meinem E-Mail-Postfach anklingeln kommt. So auch dismal. Hezlichen Dank für Deine Gedanken und liebe Grüße aus Schwerin!
    Jenny

  2. Liebe Christine, das ist also der ausführliche „Nachschlag“ zu unserem Gespräch heute Mittag. Vielen Dank für den interessanten Beitrag! Bin gepannt auf das Buch. Lieber Gruß,
    Kathrin

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