Eszett-Misere am Tag des Kusses

Heute ist Internationaler Tag des Kusses, und ich fühle mich sehr alt. Mein erster Kuss ist lange her. Die  Aufregung war groß, die Unsicherheit noch viel größer, heraus kam eine schüchterne, sehr kurze Lippenbegegnung. Sollte das alles gewesen sein? Fragten wir uns beide. Und so wurde der Bruder meines Kusspartners um Rat gebeten, was mir bis heute schrecklich peinlich ist. Doch siehe da, nach seiner Anleitung versuchten wir es ein zweites Mal – und übten fürderhin viel.

Alt fühle ich mich nicht, weil ich Worte wie fürderhin benutze. Aber das Ganze fand nicht nur im letzten Jahrtausend statt, es fand auch vor der Rechtschreibreform statt. Und da hieß es nicht Kuss, sondern Kuß. Mit Eszett. Natürlich sprach sich das genauso aus wie der reformierte Kuss: mit scharfem S und kurzem U. Aber es liest sich aus heutiger Sicht so anders!

So wie ich kein Buch, das in Fraktur gesetzt ist, lesen kann, ohne im Stillen zu lispeln, so kann ich kein Eszett mehr lesen, ohne den Vokal davor mental in die Länge zu ziehen. Bei den Frakturschriften liegt es daran, dass sich das kleine f und das kleine s oft zum Verwechfeln ähnlich fehen. Daf kann doch kein Menfch lefen ohne zu lifpeln.

An der Eszett-Misere und daran, dass ich mich heute so alt fühle, ist hingegen einzig und allein die Rechtschreibreform schuld. Nur mal angenommen, ich hätte jemals Tagebuch geschrieben, und weiter angenommen, ich hätte darin auch über meine ersten Kussversuche geschrieben, dann läse ich dort heute, mit sehr langen Vokalen, dass ich einst an einem Fluhsufer voller Wiesbegier den Kuhs übte. Daf ift doch fief!

Mein erster Kuss

P.S.: Bei mir im Regal steht die deutsche Erstausgabe der kleinen Kulturgeschichte des Kusses, die mal im Wagenbach Verlag erschienen ist: „Der Kuß“ heißt es. Ich fürchte, das kommt jetzt in die Ecke mit den unlesebar gewordenen Büchern. Zu den Frakturen.

 

 

 

 

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