Früher war mehr Pilzwissen!

Am letzten Wochenende habe ich den leckersten Pilz gekostet, den ich je gegessen habe – obendrein war er selbstgejagt! Dabei gilt der Wollige Milchling selbst unter Pilzfreunden als ungenießbar.

Wir waren nämlich in den Pilzen. Was eine wunderbare Sache ist. Erstens ist so ein Waldboden im Frühherbst so grün, dass man sich fragt, ob es für diese spezielle Grün nicht einen speziellen Namen geben müsste. Frühherbstliches Waldbodengrün, zum Beispiel. Oder Augenschmeichlergrün. Oder Seelenbalsamgrün. Mit Orange und Braun großzügig gesprenkelt ist es zugleich so heiter und beruhigend und melancholisch, dass man laut singen und den Wald nie mehr verlassen möchte. Zu allem Überfluss ist dieser frühherbstliche waldbodengrüne Boden auch noch auf so eine ganz spezielle Art und Weise weich und einladend, dass man sich wünscht, man würde sich auch sonst bei jedem Schritt im Leben so willkommen und aufgehoben und immerzu eins mit sich und der Welt fühlen. Und offenbar scheint das auch Kindern so zu gehen, die beim Pilzesuchen stundenlang laufen und entdecken und fragen und dabei Entfernungen zurücklegen, die sie in der Stadt nicht im Traum ohne Lauf- oder Fahrrad oder Karre oder Getragenwerden bewältigen würden.

Pilzfreunde auf Entdeckungsreise

Der Lila Lacktrichterling: Schick, aber mehr Füllsel als Gedicht

In die Pilze zu gehen ist daher immer eine große Freude. Doch am letzten Wochenende war es eine Entdeckungsreise.

Denn mit uns im Wald war ein Experte, der sein Kinderzimmer schon als Fünfjähriger mit Scharen aus Knete nachgebildeter Pilze pflasterte und sich bis heute kein Pilzabenteuer entgehen lässt. Höhepunkt seiner mykophilen Laufbahn: Ein Steinpilzfeld (sic!) in Nordschottland. Dort suchte er, erzählt er später beim Abendessen mit leuchtenden Augen, nur die wirklich allerschönsten Exemplare aus und konnte am Ende dennoch in kürzester Zeit seine Plastiktüten mit 20 Kilogramm des köstlichen Dickröhrlings füllen. Die anderen Gäste im Bed & Breakfast, in dem er damals untergekommen war, hätten beim Essen wonnig gestöhnt, erinnert er sich.

Wären wir ohne ihn unterwegs gewesen, unsere Ausbeute wäre mau gewesen. Ein paar mickrige Maronen, ein mittelgroßer Pfifferling und ein einzelner Steinpilz wären in unseren Körben gelandet. Immerhin, ein prachtvoller Quotenpilz, den Erfolg einer Pilzsuche misst man, so der Experte, an der Anzahl und Größe der gefundenen Steinpilze.

Nach allen anderen Zubereitungsmethoden ungenießbar

Der Wollige Milchling in echt und in illustriert

Doch dank seiner Begeisterung und seinem Wissen reicht es am Ende trotzdem für zwei bis an den Rand bunt gefüllte Körbe und ein Abendessen für acht Personen – inklusive eines Wolligen Milchlings beträchtlichen Ausmaßes.

Den großen, aber schmutzigweißen derben Pilz listet selbst das „Handbuch der Pilzfreunde“ als ungenießbar. Aber, so heißt es in dem Band, der mit wunderschönen, sehr aussagekräftigen und detailreich handgefertigten Illustrationen ausgestattet ist, weiter: „In dünne Scheiben gebraten und scharf angebraten ist er nach dem Urteil mehrerer Pilzfreunde genießbar und schmackhaft. Nach allen anderen Zubereitungsmethoden ist er ungenießbar.“

Ehrenrettung des Wolligen Milchlings

In dünne Scheiben geschnitten und gebraten ein Gedicht!

Unser Pilzexperte frohlockt und probiert es aus, und tatsächlich, es stimmt – und wie! In dünne Scheiben und sehr scharf angebraten ist der Wollige Milchling ein Gedicht und sozusagen der Inbegriff von Pilzgeschmack. Köstlich! Wie ich später lese, wird der Erdschieber zwar hierzulande verachtet, in Russland und in der Ukraine aber sogar als Marktware feilgeboten und tagelang gewässert, um ihn genießbar zu machen. Überhaupt variiert das Verhältnis zu Pilzen von Nation zu Nation sehr: So gelten die Angelsachsen als ausgesprochen mykophobes Volk und haben folgerichtig auch nur sehr wenige englische Worte für Pilze. Mushroom muss da fast für alle Sorten herhalten. Unfassbar angesichts der 2,2 bis 3,8 Millionen Arten, von denen bislang nur 120.000 beschrieben sind.

Doch auch hierzulande könnte es mit der Rettung seiner Reputation  für den Wolligen Milchling eng werden – wussten früher sehr viele Menschen sehr viel über Pilze, schwindet das Pilzwissen seit einiger Zeit immens.

Ein Jammer!

PS: Die Pilzsaison hat übrigens gerade erst begonnen. Im Oktober ist das Finderglück am größten, je nach Witterung.

 

4 Gedanken zu “Früher war mehr Pilzwissen!

  1. In die Pilze zu gehen stand in meiner Kindheit in jeden Herbst auf dem Programm und war tatsächlich oder zumindest in meiner Erinnerung ein schönes Erlebnis, auch wenn wir Kinder von der duftenden Pilzpfanne nicht abhaben wollten. Vielleicht lag es daran, dass während des Sammelns immer wieder das Wort „giftig“ zu hören war ;-).

    LG, Conny

  2. Die giftigen Exemplare gehören natürlich nicht in die Pfanne! Selbst unser Experte war äußerst vorsichtig, sobald ein Zweifel aufkam. Aber Pilze sind ja auch in ungiftig nicht unbedingt ein typisches Kinderessen …

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