Genug Platz für alle – Der Kemal in Ottensen

Heute vor 32 Jahren sprang der türkische Asylbewerber Kemal Altun aus Furcht vor seiner Abschiebung aus dem Fenster eines Berliner Gerichts in den Tod. In Ottensen erinnert der Kemal-Altun-Platz an seine Geschichte.

Kaum kommt die Sonne heraus, geht es los, auf dem Kemal. Kinder stürmen den Spielplatz, Nachwuchskicker bolzen auf dem kleinen Fußballplatz, gegenüber werfen Basketballer Körbe. Auf dem Hundespielplatz rasen kleine und große Kläffer umher, in der Mitte des Platzes liegen Schülerinnen, Pärchen und Cliquen auf dem Rasen und an den Tischen picknicken Familien. Rundherum sitzt man auf Holzbänken und Steinstufen, macht Mittagspause oder ruht sich vom Einkaufen aus. Viele haben ein Eis in der Hand, aus der Eisdiele nebenan, wo oft halb Ottensen für das leckerste Eis der Stadt ansteht. Vom Bauspielplatz hört man es bei Wind und Wetter hämmern, Radfahrer queren den Platz und fast alle bleiben hin und wieder vor der Tauschkiste an der Graffiti–Wand stehen: Ein kleiner bunter Holzverschlag, alle dürfen bringen, was nicht mehr gebraucht wird, und mitnehmen, was gefällt.

Abends erobern Nachtschwärmer den Kemal, statt der Kinder klettern Jugendliche mit Bierflaschen und Gitarren auf den historischen blauen Bagger, der alle paar Monate donnernd angeworfen wird.

Vor dem Bagger halten Stadtführerinnen inne, um zu erklären, was es mit dem Industriedenkmal auf sich hat: Früher stand hier die Maschinenfabrik Menck & Hambrock. Nach dem Abriss 1974 lag das Werkgelände brach, das Unkraut wucherte und Studenten reparierten hier ihre Autos. Es gab Neubebauungspläne, doch Bürgerbegehren und Initiativen setzten durch, dass der Kemal wurde, was er heute ist: ein Platz für alle, für Junge und Alte, für Familien und Paare, für Hundebesitzer und Radfahrerinnen.

Bis heute namenlose Fläche

Der Kemal-Altun-Platz ist auf keinem Hamburger Stadtplan zu finden, auch bei Google Maps: kein Treffer. Trotz der Beschilderung, die der Bezirk Altona 2012 anstelle der selbstgemalten Schilder aufstellen ließ, trägt der Platz seinen Namen nur inoffiziell. Nach dem 30. August 1983 traf man sich dort zwei Jahre lang jede Woche, um Kemal Altuns Geschichte zu erzählen, zu musizieren und zu demonstrieren, bis heute jedes Jahr. Der Name „Kemal-Altun-Platz“ etablierte sich, wurde zum „Kemal“. Die Hamburger Kulturbehörde lehnte den Namen wegen fehlenden Hamburg-Bezugs ab. Bis heute ist der Platz eine namenlose Fläche.

Vor 32 Jahren hat Kemal Altun der Asylpolitik ein Gesicht gegeben: Zwanzig Monate lang hatte der 23-jährige in Auslieferungshaft verbracht, bis er aus dem Fenster eines Berliner Gerichts in den Tod sprang. Das Entsetzen war groß. Einen „preußischen Ikarus“ nannte ihn Wolf Biermann, „geselbstmordet haben sie ihn“ sang er in einer Ballade. Günter Wallraff widmete, unter anderen, Kemal Altun 1985 seinen Bestseller „Ganz unten“ über das türkische Leben am Rande der Gesellschaft.

Sechs Monate nach seinem Tod wurde Kemal Altun das Asylrecht zugesprochen.

Während überall in Ottensen die Gentrifizierung tobt, ist hier auf dem Kemal, den es nur inoffiziell gibt, genug Platz für alle. Jeden Tag.

Schreibe einen Kommentar

%d Bloggern gefällt das: