„Re: Re: Re: Re: Re: Coronakonformer Sommerkaffee?“

Seit einigen Jahren habe ich eine Sommerfreundin, wie ich sie nenne. Wir sehen uns nur einmal im Jahr, und unsere Begegnungen lassen sich bislang an einer Hand abzählen. Freundschaft ist also ein großes Wort, eines zum Hineinwachsen. In diesem Sommer, in dem alles anders ist, mailen wir mehrfach hin und her, ein Treffen scheint schwierig. Dann sagt sie ihren Schwedenurlaub sicherheitshalber ab, und besucht mich und meine Familie doch noch, auf unserem Campingplatz an der Ostsee, zusammen mit ihren beiden Kindern. Es ist ein windiger Tag, die Sonne scheint. Kurz sitzen wir draußen bei Kaffee und Kuchen, doch die Kinder wollen baden gehen.

Während die vier vergnügt in den Wellen toben, stehen wir am Strand und schauen ihnen zu. Über das Meer blicken wir gen Dänemark, genau wie wir es uns vorgenommen hatten: gemeinsam ein bisschen geradeaus gucken. Wir erzählen uns, was wir in den letzten Monaten erlebt haben, sprechen über das Leben mit Kindern und Corona auf dem Land, wo sie lebt, und in den beiden Großstädten, zwischen denen ich normalerweise pendele. Wir erzählen uns von unseren Projekten und Plänen, von den Büchern, die seit letztem Sommer geschrieben wurden, und von denen, die wir noch vorhaben zu schreiben. Als sie wieder fährt, möchte ich sie am liebsten umarmen. Wir lächeln, und winken uns zum Abschied zu.

Zwei Tage später, inzwischen bin ich mit meiner Familie nach Dänemark gesegelt und wir liegen bei Starkwind im Hafen, schickt sie mir eine Nachricht: Ich solle nicht erschrecken, sie sei positiv auf Corona getestet worden. Vollkommen überraschend, zum Glück mit nur leichten Symptomen. Es gehe ihr soweit gut. Doch wir haben uns länger als 15 Minuten gesehen, ich bin Teil einer Infektionskette. Plötzlich haben wir Corona an Bord.

K1 – Kontaktperson ersten Grades

Das Gesundheitsamt meldet sich einige Stunden später. Die Sachbearbeiterin klingt erleichtert, als sie feststellt, dass ihr Amt gar nicht für uns zuständig ist, und sie die Sache direkt wieder abhaken kann. Mehrfach telefonieren und mailen wir mit „unserem“ Gesundheitsamt. Ich schildere die Begegnung, zwei Stunden, draußen, bei starkem Wind, nein, wir haben uns nicht die Hand gegeben oder umarmt.

Nach Rücksprache mit der Amtsärztin noch ein Anruf: Es wird nicht unterschieden, ob eine Begegnung drinnen oder draußen stattgefunden hat, allein die Länge ist entscheidend. Ob ich garantieren könne, dass wir die ganze Zeit mehr als zwei Meter Abstand gehalten haben? Das kann ich nicht, ich werde also unter Quarantäne gestellt. Ich soll auf direktem Weg heimreisen, sobald der Wind nachgelassen hat und wir zurücksegeln können. Man bittet mich, zuhause getrennt von meiner Familie zu schlafen, täglich Fieber zu messen und sorgsam auf Symptome zu achten. Nein, Mann und Kinder, mit denen ich in den Ferien auf engstem Raum lebe, müssten das alles nicht tun. Und ja, die Kinder könnten ohne weiteres wieder in Kita und Schule geschickt werden.

Das kommt uns seltsam vor. Wir mieten ein Auto und fahren zu der erst vor zwei Tagen eröffneten Teststation an der deutsch-dänischen Autobahn: ein Drive-In-Zelt, vor dem wir nicht lange warten müssen, nicht einmal aussteigen. Unsere Daten werden aufgenommen und Menschen in medizinischer Schutzkleidung treten erst an das Fahrerfenster und dann an die Beifahrerseite, um Abstriche zu nehmen. Die Kinder sehen, wie ich kurz würgen muss, und sind erleichtert, dass Kinder hier erst ab 14 Jahren getestet werden. Wir beschließen, den Test für die beiden nach unserer Rückkehr zu Hause nachzuholen. Immerhin stehen in den nächsten Wochen ein Kita-Abschied, ein Kindergeburtstag und eine Einschulung an. Wir warten ewig in der Warteschleife, bis wir telefonisch einen Termin vereinbart haben.

Sagrotan-Absatz ankurbeln

Draußen regnet und windet es. Wir telefonieren, wir mailen, wir warten. Das Wetter hält uns an der dänischen Küste fest. Tags darauf schreibt meine Sommerfreundin, dass ihr Mann und ihre Kinder negativ getestet worden seien. 48 Stunden später wissen wir, dass auch unsere Tests negativ sind. Erleichterung macht sich breit, und nach all den kalten Tagen kommt endlich die Sonne wieder heraus. Wir segeln zurück, packen unsere Sachen und desinfizieren bei schönstem Wetter das Boot, für die Freunde, die nach uns kommen, um hier Ferien zu machen. Deren Tochter arbeitet in Hamburg am Universitätsklinikum, sie hat täglich mit Coronakranken zu tun, und gerade wird dort eine junge Mutter beatmet. Sie besteht darauf, dass ihre Eltern die Reise verschieben, trotz gründlicher Reinigung und großzügiger Sagrotananwendung soll das Boot eine Woche leerstehen.

Während der Mann sich als Tatortreiniger betätigt, genießen die Kinder ihren letzten Ferientag am Meer, sehr sogar. Ich grübele viel und recherchiere ein bisschen. Offenbar hat es im gesamten Landkreis eine einzige neu gemeldete Corona-Infektion gegeben. Und ich habe hier am Ostseestrand mit ihr Kaffee getrunken! Ich denke daran, wie viele sehr viel riskantere Situationen es in den letzten Wochen gab, obwohl ich versucht habe, sie zu vermeiden. Oft wäre eine Ansteckung viel wahrscheinlicher gewesen: Fahrten im ICE, ein Workshop im Hotel, Abende mit Freund:innen, auf Restaurantterrassen und Balkonen, in Küchen und in Wohnzimmern. Ich beginne mich vor den nächsten Wochen und Monaten zu fürchten.

Jeder Test nur eine Momentaufnahme

Diesmal scheint alles glimpflich auszugehen. Sieben Tage Quarantäne reichen, sagen Doktor Drosten und Herr Lauterbach, und bislang habe ich keinerlei Symptome, dazu das negative Testergebnis. Dennoch stehe ich per behördlicher Anordnung volle 14 Tage lang unter „Absonderung in sog. häuslicher Quarantäne“ und darf das Haus nicht verlassen. Noch nicht einmal, um Zutaten für eine Geburtstagstorte oder kleine Überraschungen für die Schultüte zu besorgen. Ich werde beim Kita-Abschied des Fast-Schon-Schulkindes nicht dabei sein können. Der Fast-Schon-Zehnjährige wird ohne seine Oma Geburtstag feiern müssen und vorerst auch seine Freunde und Freundinnen nicht einladen können.

Laut Gesundheitsamt sind die Kinder keine Kontaktpersonen, aber wir wollen sichergehen, dass auch sie sich nicht angesteckt haben, bevor wir sie wieder in ihre Einrichtungen schicken. Ich rufe in Schule und Kita an und schildere die Situation. Die Kita-Aufsicht soll darüber beraten, ob das Kind noch einmal wiederkommen darf. Eigentlich begrüße ich so viel Vorsicht, nicht umsonst lassen wir die Kinder auf eigene Kosten testen. Aber mir wird so ablehnend begegnet, dass ich einen Moment brauche, bis mir wieder einfällt, worum es geht: Auch wir trauen dem behördlichen Segen nicht. Dennoch, seit das Kind sprechen kann, nennt es die Erzieherinnen und Kita-Freunde seine „Kita-Familie“. Kürzlich am Küchentisch, als es um seinen eigenen Geburtstag ging, wollte es niemanden einladen und verkündete kühl: „Ich hab sowieso kein Herz für Freunde, Mama.“ So viel hat sich seit März verändert.

Eine Pandemie ist kein Wunschkonzert

Die Hoffnung auf einen ganz normalen Start nach den Ferien zerbröselt. Wie schon in den letzten Monaten werden wir uns im Schichtdienst um die Kinder kümmern, abwechselnd unserer Erwerbstätigkeit nachgehen und wenig schlafen. Mir ist vollkommen klar, dass wir großes Glück haben, aller Voraussicht nach allesamt gesund zu sein. Ich weiß, dass es nur um einen kurzen Zeitraum geht, den wir anders als geplant organisieren müssen. Dass wir in der Gesamtsicht unfassbar privilegiert sind. Viele haben gerade ganz Anderes zu stemmen. Dennoch: Das monatelange Homeschooling und Homekindergardening im Homeoffice haben mich zermürbt. So sehr hatte ich auf ein bisschen Normalität beim Start in die Arbeit und in das neue Schuljahr gehofft. Mir einen freien Kopf und endlich wieder kinderfreie Arbeitstage gewünscht. Wollte so gern glauben, dass das Schlimmste vielleicht tatsächlich schon hinter uns liegen könnte.

Wie oft werden wir in den nächsten Monaten, im nächsten Jahr warten und bangen? Wie oft werden wir erleichtert sein, und dennoch traurig, wenn unsere Pläne durchkreuzt werden? Wie groß wird die Erschöpfung werden, und wie viel Glück werden wir alle haben?

Der Betreff, unter dem meine Sommerfreundin und ich unser Treffen per Mail verabredet haben, lautete übrigens „Coronakonformer Sommerkaffee“. Vermutlich hat das Virus kurz diabolisch gekichert, bevor es sich wieder ins Infektionsgeschehen warf.

6 Gedanken zu „„Re: Re: Re: Re: Re: Coronakonformer Sommerkaffee?““

  1. Hallo liebe Christine, auch wenn die vielen Fragen nicht beantwortet werden können, welch eine Geschichte. Zweifel und Unsicherheit werden uns weiter begleiten. Für uns alle ist es eine für uns nie erlebte Situation und oft geht mir durch den Kopf, was denken wohl die Kinder. Bin selbst Omi und habe gerade in den letzten Tagen von den Enkeln gehört,……. nein das dürfen wir nicht wegen Corona. Wir werden das alles gut überstehen, weiter vorsichtig und aufmerksam bleiben. Auch wenn das Thema schwierig ist, toller Text und wir danken Dir sehr dafür. Peter und Gisela

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  2. Liebe Christine,
    echt gemein, dass dein Urlaub so enden musste und die vielen schönen Momente mit deiner Freundin plötzlich eine so verderbliche Bedeutung bekommen. Besonders tut es mir für deine Jungs leid, um ihre Freunde und Beziehungen und die vielen schönen Anlässe, die nun nicht so begangen werden können wie geplant. Um es mit Kinderworten zu sagen:“ Corona ist ein Arschloch“.
    Lass dich nicht unterkriegen! Ich sende dir eine Riesenportion Glücksstaub, garantiert coronafrei.
    Conni

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    • Liebe Conni, ja, FCK CRNA! Mit dem Urlaub das geht schon in Ordnung, viele konnten ja gar keinen machen. Den Glücksstaub nehm ich aber trotzdem gern, ich hoffe, er reicht für uns alle! Danke!

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