Vereinbarkeit an jeder Straßenecke

Es ist Sommer. Ich stehe am Ende einer Sackgasse. Tempo 30. Das bisschen Straße unter meinen Füßen trennt einen Campingplatz vom Ostseestrand, nur wenige Meter weiter beginnt ein Naturschutzgebiet, wer vorher rechts abbiegt, will zum Bauernhof oder zu der Handvoll Ferienappartements.

Das große Nichts also. Ich und die Kinder, meine eigenen und ein paar fremde, wir haben Straßenmalkreide dabei. Die Kinder haben damit ein buntes Netz auf den Asphalt gemalt: Eisenbahnbrücke, Hubschrauberlandeplatz und Kreisverkehr werden mit Hingabe bespielt. Es gibt Straßen, Kurven und Parkplätze. Und ein kleine Sammlung Spielzeugautos.

Ab und ein fährt hier, am Ende der Sackgasse, ein echtes Auto vorbei, Fahrräder sausen über den Asphalt, Fußgänger kommen vorbei. Dann räumen die Kinder ihre Spielzeugautos, all die Einsatzfahrzeuge von Polizei und Feuerwehr, den Autotransporter rasch zur Seite und stellen sich an den Straßenrand, bis die Bahn wieder frei ist und knüpfen nahtlos an ihr Spiel an.

Kein Durchkommen

Während die Kinder jede Störung ihres Spiels klaglos hinnehmen und jedes Mal geduldig warten, bis es weitergehen kann, reagieren die vorbeikommenden Menschen umgekehrt sehr unterschiedlich auf die Kinder.

„Das habt ihr aber toll gemacht!“, loben die einen. „So viel Fantasie!“ Andere spielen mit, folgen mit ihren Schritten lachend der krummen Straßenführung der Kinder, fragen, ob sie auch nicht falsch gehen. Andere wagen nicht, die bunten Linien zu betreten, sie wollen nichts kaputt machen. Wieder andere fragen interessiert nach und wollen genau wissen, was das alles sein soll. Fahrradfahrer rollen vorsichtig vorbei.

Doch nicht allen entlockt das Spiel der Kinder so viel Verständnis. Manch einer schweigt erbost, andere zeigen ihren Unmut offener. Ein Paar radelt rast in ungebremster Fahrt nur knapp an Kindern und Spielzeugautos vorbei. Ein junger Mann schüttelt hinter seinem Steuerrad missbilligend den Kopf, es dauert ihm zu lange, bis die Kinder Platz gemacht haben. Ein alter Mann mit Hund schimpft laut, wie man denn hier nun bloß vorbeikommen solle. Die Kinder sehen ihn stumm an, nachdem er die Frage noch zweimal wiederholt hat, lenkt er ein und stapft mitsamt Hund in versöhnlicher Geste vorbei: „Na, wir schaffen das schon, hm?“

Und ich stehe da, am Ende dieser Sackgasse, beobachte das alles und denke, wie viel leichter es wäre, mit der Vereinbarkeit, in dieser Gesellschaft, wenn Kinder willkommener wären. Nicht alle mögen Kinder, klar. (Auch mir sind nicht alle Kinder sympathisch. Meine eigenen aber zum Glück meistens schon). Aber bedeutet in einer Gesellschaft zusammenzuleben nicht auch, unterschiedlich sein zu können und trotzdem Räume miteinander zu teilen, im Mietshaus, in der Bahn, auf der Straße? Wann im Leben kommt uns die Geduld für andere Menschen abhanden, die Kinder aufbringen?

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